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Contents Hormone, Fernsehen, Pubertät: drei schlecht beleumdete PhänomeneDie Hormone stellt man sich ja meist nur als die Hooligans im Gefühlshaushalt vor, eine Art Streetgang, die lärmend durch den Körper zieht und permanent für Rambazamba sorgt. Gerade fühlt man sich mal abgeklärt und frisch geduscht, da kommen schon wieder Testo & Östro, die beiden Anführer der Bande, um die Ecke und mischen die Emotionen auf, dass einem Hören und Sehen vergeht. Aber solche Pauschalurteile sind zynisch und hormonverachtend, gibt es doch ausnehmend wohlerzogene, ja chorbubenhafte Hormone. Allen voran das Melatonin. Friedlich wie das Wort zum Sonntag sorgt es für niedrigen Blutdruck, kultivierten Stoffwechsel und guten Schlaf: Die Melatonin-Produktion beginnt, sobald es draußen dunkelt. Vor allem aber: Je mehr Melatonin der Körper herstellt, desto später kommt man in die Pubertät. So ist es verwunderlich, dass es noch keine "Elterninitiative zur Förderung und Pflege des Melatonins e. V." gibt.Womit wir bei der Pubertät wären. Die ist für die Durchschnittsfamilie, was der Dreißigjährige Krieg für Europa war: totale Entropie, endloser Niedergang, ein emotionales Massaker, bei dem es nur Verlierer gibt. Für Pubertierende sind Eltern das Letzte, für Eltern sind Pubertierende ein Rätsel. Wie kann man sich einzig von Ketchup, "Bravo" und TV-Junk ernähren? Was ist so toll an Fäkalsprache, zugetackerten Bauchnabeln und Yvonne Catterfeld? Und warum fängt die Pubertät heute bei Achtjährigen an? Meist heißt es: Das Fernsehen ist schuld, Kiesbauers Sexgerede, wer jeden Tag hört, wie da über zu kleine Penisse geredet wird, der rüstet im hormonellen Dunkel schleunigst den eigenen Körper auf. Florentiner Forscher haben das Fernsehen nun einmal nicht im Hinblick auf seine psychologischen, sondern auf seine physiologischen Auswirkungen getestet. Soll heißen, sie haben es nicht als Drecks-, sondern als Lichtquelle untersucht. In dem Dörfchen Cavriglia wurde 90 Familien eine Woche lang Fernsehverbot erteilt. Der Bürgermeister schenkte allen Beteiligten Brettspiele und ein Buch. Nach sieben Tagen war bei den Jugendlichen, die zuvor drei Stunden täglich ins Flimmern geschaut hatten und jetzt friedlich im Dunkeln Canasta spielten, der Melatoninspiegel um 30 Prozent gestiegen. Ein Drittel! Nur weil die Kinder sieben Tage lang nicht geglotzt haben. Wenn man das hochrechnet! Pubertät mit 18. Bis dahin jeden Abend gemeinsame Pinocchio-Lektüre. Vor dem Schlafengehen ein Gläschen Melatonin Forte. Ja und dann? Was tun gegen den pädagogischen horror vacui? Wahrscheinlich würden die Eltern, wenn ihr ewig infantiler Nachwuchs schlummert, Yvonne Catterfeld einlegen, einander den Nabel piercen und dazu wehmütig aus Pubertätsratgebern vorlesen.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
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