islam...okratie

I've discovered the following article "Gefährliche Träume" on April the 5th 2003 in the magazine "Die Weltwoche".

To this text I've added pictures from several TV Stations during the second war on Iraq in 2003. I wanted to demonstrate the power of pictures and its influence on a text which primariliy has nothing to do with these pictures. The pictures and the text together are telling quite different stories...

The pictures are taken from different TV Channels -- at the same time -- to demonstrate the absurdity of these parallel Realities...

The text without any pictures can be found at the end of this page.

In context section you can find some additional links related to war and peace, respectively...

Prologue

GIL SCOTT HERON'S POEM FOR PEACE [mp3, 9MB]

The Military and the Monetary,
they get together whenever they think it's necessary.
War in the desert sometimes sure is scary,
but they beamed out the war to all their subsidiaries.
Tried to make So Damn Insane a worthy adversary,
keeping the citizens secondary,
scaring old folks into coronaries.

The Military and the Monetary,
from thousands of miles in a Saudi Arabian sanctuary,
kept us all wondering if all of this was really truly necessary.

We've got to work for Peace,
Peace ain't coming this way.
If we only work for Peace,
If everyone believed in Peace the way they say they do,
we'd have Peace.

The only thing wrong with Peace
is that you can't make no money from it.

The Military and the Monetary,
they get together whenever they think it's necessary,
hey've turned our brothers and sisters into mercenaries,
they are turning the planet into a cemetery.

Got to work for Peace,
Peace ain't coming this way.

We should not allow ourselves to be misled
by talk of entering a time of Peace.
Peace is not the absence of war,
it is the absence of the rules of war and the threats of war and the
preparation for war.
Peace is not the absence of war,
it is the time when we will all bring ourselves closer to each other,
closer to building a structure that is unique within ourselves
because we have finally come to Peace within ourselves.

- Gil Scott Heron, an excerpt from his poem "Work for Peace"

    

    

Gefährliche Träume

Kann der Irak demokratisiert werden? Ist der Nahe Osten überhaupt bereit für eine politische Erneuerung? Und soll Amerika die politische Umgestaltung erzwingen? Auf keinen Fall, sagt der amerikanische Politologe Adam Garfinkle. Jeder Versuch wäre zum Scheitern verurteilt.
    

    
Viele Realisten, wie etwa Henry Kissinger, plädieren für einen Regimewechsel, sind aber gegen eine längere US-geführte Besatzung einer arabischen Hauptstadt. Sie sind auch gegen die Absicht, einem Volk Demokratie zu bringen, das Demokratie nicht kennt oder nicht haben will.
Sinnvoll, sofern mit Zurückhaltung betrieben, wäre es aus ihrer Sicht, autoritäre Regime zu einer gewissen Öffnung zu bewegen, während zu viel Druck und Eile in verheerender Weise auf die USA zurückschlagen würden. Viele Beobachter betonen unter Verweis auf die Geschichte der Modernisierung im Westen und die zeitgenössischen muslimischen Gesellschaften, dass meist diejenigen zu Terroristen werden, die durch den Prozess radikaler gesellschaftlicher Veränderungen entwurzelt werden.
Die Biografien zeitgenössischer islamischer Terroristen machen deutlich, dass oft westlich orientierte junge Männer mit guter Schulbildung, die am Rand traditioneller Gesellschaften stehen, zum Extremismus neigen. Wenn man solchen Gesellschaften eine rasche Veränderung (mit revolutionären Ideen wie liberaler Demokratie und globaler Marktwirtschaft) aufzwingt, wird man Verwerfungen schaffen, die mehr Terroristen hervorbringen -- nicht weniger.
Die Realisten plädieren für eine Verbesserung der politischen Verhältnisse im Irak, selbst wenn von Demokratie noch lange nicht die Rede sein kann -- und sollte ein gutes Beispiel dort Schule machen, umso besser. Sie wissen auch, dass eine US-geführte internationale Präsenz vielleicht monatelang notwendig ist; niemand will einen Bombenkrieg führen, nach Massenvernichtungswaffen suchen und den nationalen Aufbau dann anderen überlassen.
Die Realisten sind für eine minimale, symbolische US-Präsenz, damit Amerika die schwere Bürde der europäischen Kolonialgeschichte und jahrhundertelanger christlich-muslimischer Konflikte erspart bleibt.
Irrglaube Islam

Nach Ansicht der Demokratisierer haben die USA dagegen die Aufgabe, für demokratische Verhältnisse im Nahen Osten zu sorgen, sie sogar zwangsweise einzuführen -- in erster Linie bei den Gegnern Amerikas, unter Umständen auch bei den autoritären «Freunden».

Nur so könne man die Quellen von Empörung und Frustration beseitigen, die zu dem üblen Terrorismus führen. Die Beseitigung von Armut allein bringe nichts, da deren Quelle in der ökonomischen Logik der Autokratie liege.
Die Demokratisierer weisen auch auf hervorragende Präzedenzfälle hin: die Verwaltung von Japan und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf der Grundlage dieser Erfahrungen glauben sie, dass die Demokratisierung des Irak auf andere arabische Länder und den Iran übergreifen könnte. Sie sind ausserdem der Auffassung, dass es seit 1776 der Auftrag Amerikas sei, für Demokratie einzutreten. Mit der zunehmenden Macht der USA habe auch dieser Auftrag immer mehr Bedeutung gewonnen.
Dieser letztgenannte Impuls ist keineswegs neu. Der wichtigste frühe amerikanische Kontakt mit der arabischen Welt wurde nicht von der US-Regierung betrieben, sondern von christlichen Missionaren. Ihre Absichten waren nobel, und einige ihrer Einrichtungen, wie etwa die Amerikanischen Universitäten in Kairo und Beirut, existieren noch heute.
In der Missionierung waren sie allerdings weniger erfolgreich: Die Grundlage ihres Bekehrungseifers -- der Islam sei ein Irrglauben und die von ihm hervorgebrachte Zivilisation der christlich-westlichen unterlegen -- befremdete die Muslime. Die heutigen Demokratisierer greifen die Impulse jener Missionare wieder auf -- bis auf zwei Unterschiede mehr oder weniger unverändert.
Erstens wird heute das «soziale Evangelium» verkündet, ein schwer bewaffneter, säkularisierter liberaler Evangelismus, kurz: amerikanische Ideale, zur weltweiten Nachahmung bestimmt. Und zweitens dringt die Empörung beleidigter Muslime, anders als im 19. Jahrhundert, heute über den Atlantik bis nach Amerika.
Wo steht die US-Regierung in dieser Debatte? Präsident Bush nahm in seiner Rede am 1. Juni 2002 in West Point den Standpunkt der Demokratisierer ein. In jüngster Zeit plädiert das Aussenministerium jedoch für einen vorsichtigeren Kurs. Und am 26. Februar versprach der Präsident einen möglichst raschen Abzug der US-Kräfte aus dem Irak -- nicht gerade ein Ausdruck von Entschlossenheit, ein politisches System von Grund auf umzubauen.
Sollte die US-Regierung tatsächlich eine breite und schnelle Demokratisierung in Angriff nehmen, wird das schlimmstmögliche Ergebnis die Folge sein: Es wird keine arabische Demokratie geben, aber die Amerikaner werden trotzdem ungeahnte Empörung ernten, weil sie es versucht haben.
Der Demokratisierungsansatz im Krieg gegen den Terrorismus enthält viele Probleme. Die politische Kultur in muslimischen, zumal arabischen Gesellschaften ist nicht so formbar, als dass sich innerhalb von ein, zwei Generationen liberale Demokratien herausbilden könnten. In der muslimischen Welt gibt es heute nur wenige echte Demokratien (die Türkei ist die entwickeltste), in der arabischen Welt keine einzige.
Das ist kein Zufall. Arabischen Gesellschaften fehlen, in unterschiedlichem Mass, drei Voraussetzungen für Demokratie: die Auffassung, dass alle politische Herrschaft von der Gesellschaft selbst ausgeht, der Gedanke der Herrschaft der Mehrheit und die Vorstellung, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Ohne die erste Voraussetzung gibt es keinen Pluralismus -- und -- keine legitime «loyale» Opposition. Ohne die zweite sind Wahlen als Ausdruck des Volkswillens unverständlich, und ohne die dritte kann ein Gemeinwesen weder frei noch liberal (im westlichen Sinn) sein.
Methode «Versuch und Irrtum»

Politische Autorität kommt entweder von innen («vom Volk, durch das Volk und für das Volk») oder von aussen (von Gott oder einer imperialen fremden Macht).

Der europäische Gesellschaftsvertrag des 17. Jahrhunderts ist Inbegriff der ersten Auffassung; für die islamische Zivilisation ist die Vorstellung von der Gesellschaft als politischer Souverän fremd.
Der Islam ist eine radikal monadische Religion göttlicher Offenbarung. Seine politische Kultur hat sich in mehr als 1300 Jahren getreu diesem Prinzip entwickelt. Da die göttliche, äussere Autorität nicht in Frage gestellt werden kann, gibt es keinen politischen Pluralismus als permanentes oder ideales Verhältnis. Toleranz gegenüber anderen sozialen und politischen Prinzipien läuft auf Ketzerei hinaus; Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen gilt als noble Nachsicht, nicht als Anerkennung der Tatsache, dass es keine letzte Wahrheit gibt.
Daraus ergibt sich ein spezifisches Herrschaftsverständnis. Der politische Führer verkündet und verbreitet das göttliche Gesetz, und da es nur einen Gott und nur ein Gesetz gibt, kann es folglich nur eine politische Struktur und einen Führer geben. Rechenschaftspflicht wird nicht demokratisch in einem westlichen Sinn verstanden, sondern als etwas Organisches im religiösen Wollen einer Gemeinschaft.
Selbst in unseren eher säkularen Zeiten sind arabische Regierungen legitimiert, wenn sie mit einer von vornherein feststehenden Wahrheit übereinstimmen. Eine Opposition, die diese A-priori-Wahrheit bestreitet, kann nicht «loyal» sein.
Der typische Araber stellt sich eine ideale einheitliche Glaubensgemeinschaft vor, die der westlichen Auffassung von rivalisierenden, aber sich gegenseitig regelnden politischen Parteien diametral zuwiderläuft. Die westliche Politik hat einen Beigeschmack von reguliertem Konflikt, doch aus arabischer Sicht zerstört dieser Konflikt die Gemeinschaft und damit kommen wir zur Herrschaft der Mehrheit.
Wenn die politische Wahrheit in der Gesellschaft liegt und die Menschen fehlbar sind, läuft das politische Leben auf ein Regieren nach der Methode «Versuch und Irrtum» hinaus. Wenn niemand die Autorität einer unantastbaren Wahrheit anrufen kann, hat folglich die Mehrheit darüber zu bestimmen, welcher Weg eingeschlagen wird.
Für Westler erscheint das vernünftig, für die meisten Araber keineswegs? aus völlig verständlichen Gründen. Jahrtausendelang lebten die meisten Orientalen in Dörfern, waren gewöhnlich in Clans oder Stämmen organisiert. Sie lebten überdies in einer unsicheren, gefährlichen Welt und waren daher bemüht, Konflikte innerhalb der Stammesgesellschaft zu vermeiden.
Herrschaft war immer konsensorientiert. Die Herrscher, meist zentralisiert und erblich, kamen zu offenen Verhandlungen mit den wichtigsten Vertretern der Clans zusammen. Probleme wurden erörtert, Kompromisse erreicht, Vereinbarungen getroffen, und im Gegenzug schworen alle dem Herrscher persönliche Loyalität. Diese Methode wurde vom Islam absorbiert und sanktioniert. Ein Herrscher erlangt seine Machtstellung durch den Konsens (idschmaa) der Ältesten, und er behält die Macht mit Duldung der Gemeinschaft (umma).
Natürliche Rangordnung

Nun stelle man sich vor, dass jemand, der bei Wahlen 54 Prozent der Stimmen gewinnt, 100 Prozent der Macht erhalten soll, während derjenige, der 46 Prozent bekommen hat, von der Macht ausgeschlossen bleiben soll.

Wer Konsensentscheidungen gewöhnt ist, wird das nicht nur für widersinnig, sondern auch für gefährlich, weil konfliktträchtig halten. Der durchschnittliche Syrer fand daher (im Gegensatz zu uns) die 98,5 Prozent für Hafis al-Assad nicht sonderlich merkwürdig. Historisch gesehen, sind Formen der Konsensentscheidung übrigens sehr viel häufiger als demokratische Varianten.
Sie sind auch nicht zwangsläufig mit Diktatur oder Despotismus gleichzusetzen. Traditionelle arabische und muslimische Herrscher sind patriarchalisch und autoritär, aber ihre Regierung gründet auf dem Grundsatz, dass das Volk in einem gewissen Rahmen beteiligt sein muss. Umgekehrt halten die meisten Untertanen diese Herrschaft für legitim.Schliesslich der Aspekt der Gleichheit aller vor dem Gesetz: Diese Vorstellung widerspricht fast allen traditionellen Herrschaftsformen.
In der islamischen Zivilisation stehen Männer über Frauen, die Gebildeten über den Ungebildeten, die Vornehmen über den Niedrigen, die Frommen über den Lasterhaften, die Alten über den Jungen. Dass die Stimme einer 22-jährigen Bäuerin, die nicht lesen kann, genauso viel wert sein soll wie die eines 70-jährigen Rechtsgelehrten, wäre für die meisten Araber eine absurde Vorstellung.
Von einer natürlichen sozialen Rangordnung auszugehen, ist weder borniert noch lächerlich. Auch in westlichen Gesellschaften wurde vor noch nicht allzu langer Zeit genauso gedacht.
Wahrhafte arabische Demokraten

Ist «arabische Demokratie» also ein Oxymoron? Natürlich nicht. Alles verändert sich. Andere Kulturen müssen sich nicht verwestlichen, um demokratisch zu sein.

Es ist geschichtsblind, auf die kulturelle Besonderheit von Reformation und Renaissance hinzuweisen und dann das autoritäre Schicksal anderer zu proklamieren.
Die Araber sind nicht kognitiv oder ethisch «zurückgeblieben». Im Islam gibt es sehr wohl theologische und kulturelle Plädoyers für Demokratie sie sind weder unbedeutend noch verborgen, falls jemand auf sie zurückgreifen möchte. Es gibt wahrhafte arabische Demokraten, und sie verdienen unsere Unterstützung. Angesichts der Gefahren, die dem Westen vom Status quo in der arabischen Welt drohen, können wir natürlich nicht untätig bleiben.
Das Problem ist nur, dass es aus historischen Gründen nur wenige Demokraten gibt und dass ausländische Hilfe ohne ein breites arabisches Interesse an Demokratie nichts bewirken kann. Den Arabern Demokratie aufzuzwingen, bevor sie sie haben wollen und bereit dafür sind, hiesse, ihre Versagensängste zu schüren und auch ihre antiwestliche Einstellung, die wir doch abbauen wollen.
Die Auseinandersetzung mit den Pathologien der arabischen Welt ist eine der grossen Aufgaben unserer Zeit. Doch es gibt keine Patentrezepte, und letztlich muss die Lösung von den Arabern selbst kommen. Der Westen kann helfen. Vorschriften machen kann er nicht.
    

    
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Adam Garfinkle war Direktor des Middle East Council am Foreign Policy Research Institute in Philadelphia. Heute ist er Herausgeber der Vierteljahresschrift The National Interest (www.nationalinterest.org).

    

    

parallel realities -- no comments

    

    

Gefährliche Träume

Adam Garfinkle

Kann der Irak demokratisiert werden? Ist der Nahe Osten überhaupt bereit für eine politische Erneuerung? Und soll Amerika die politische Umgestaltung erzwingen? Auf keinen Fall, sagt der amerikanische Politologe Adam Garfinkle. Jeder Versuch wäre zum Scheitern verurteilt.

In der Debatte, wie der Irak nach dem Sturz Saddam Husseins aussehen könnte, stehen sich in den USA Demokratisierer (zumeist «Neokonservative») und Pragmatiker (zumeist «Realisten») gegenüber. Viele Realisten, wie etwa Henry Kissinger, plädieren für einen Regimewechsel, sind aber gegen eine längere US-geführte Besatzung einer arabischen Hauptstadt. Sie sind auch gegen die Absicht, einem Volk Demokratie zu bringen, das Demokratie nicht kennt oder nicht haben will. Sinnvoll, sofern mit Zurückhaltung betrieben, wäre es aus ihrer Sicht, autoritäre Regime zu einer gewissen Öffnung zu bewegen, während zu viel Druck und Eile in verheerender Weise auf die USA zurückschlagen würden.

Viele Beobachter betonen unter Verweis auf die Geschichte der Modernisierung im Westen und die zeitgenössischen muslimischen Gesellschaften, dass meist diejenigen zu Terroristen werden, die durch den Prozess radikaler gesellschaftlicher Veränderungen entwurzelt werden. Die Biografien zeitgenössischer islamischer Terroristen machen deutlich, dass oft westlich orientierte junge Männer mit guter Schulbildung, die am Rand traditioneller Gesellschaften stehen, zum Extremismus neigen. Wenn man solchen Gesellschaften eine rasche Veränderung (mit revolutionären Ideen wie liberaler Demokratie und globaler Marktwirtschaft) aufzwingt, wird man Verwerfungen schaffen, die mehr Terroristen hervorbringen ? nicht weniger.

Die Realisten plädieren für eine Verbesserung der politischen Verhältnisse im Irak, selbst wenn von Demokratie noch lange nicht die Rede sein kann ? und sollte ein gutes Beispiel dort Schule machen, umso besser. Sie wissen auch, dass eine US-geführte internationale Präsenz vielleicht monatelang notwendig ist; niemand will einen Bombenkrieg führen, nach Massenvernichtungswaffen suchen und den nationalen Aufbau dann anderen überlassen. Die Realisten sind für eine minimale, symbolische US-Präsenz, damit Amerika die schwere Bürde der europäischen Kolonialgeschichte und jahrhundertelanger christlich-muslimischer Konflikte erspart bleibt.

Irrglaube Islam

Nach Ansicht der Demokratisierer haben die USA dagegen die Aufgabe, für demokratische Verhältnisse im Nahen Osten zu sorgen, sie sogar zwangsweise einzuführen ? in erster Linie bei den Gegnern Amerikas, unter Umständen auch bei den autoritären «Freunden». Nur so könne man die Quellen von Empörung und Frustration beseitigen, die zu dem üblen Terrorismus führen. Die Beseitigung von Armut allein bringe nichts, da deren Quelle in der ökonomischen Logik der Autokratie liege.

Die Demokratisierer weisen auch auf hervorragende Präzedenzfälle hin: die Verwaltung von Japan und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf der Grundlage dieser Erfahrungen glauben sie, dass die Demokratisierung des Irak auf andere arabische Länder und den Iran übergreifen könnte. Sie sind ausserdem der Auffassung, dass es seit 1776 der Auftrag Amerikas sei, für Demokratie einzutreten. Mit der zunehmenden Macht der USA habe auch dieser Auftrag immer mehr Bedeutung gewonnen.

Dieser letztgenannte Impuls ist keineswegs neu. Der wichtigste frühe amerikanische Kontakt mit der arabischen Welt wurde nicht von der US-Regierung betrieben, sondern von christlichen Missionaren. Ihre Absichten waren nobel, und einige ihrer Einrichtungen, wie etwa die Amerikanischen Universitäten in Kairo und Beirut, existieren noch heute. In der Missionierung waren sie allerdings weniger erfolgreich: Die Grundlage ihres Bekehrungseifers ? der Islam sei ein Irrglauben und die von ihm hervorgebrachte Zivilisation der christlich-westlichen unterlegen ? befremdete die Muslime.

Die heutigen Demokratisierer greifen die Impulse jener Missionare wieder auf ? bis auf zwei Unterschiede mehr oder weniger unverändert. Erstens wird heute das «soziale Evangelium» verkündet, ein schwer bewaffneter, säkularisierter liberaler Evangelismus, kurz: amerikanische Ideale, zur weltweiten Nachahmung bestimmt. Und zweitens dringt die Empörung beleidigter Muslime, anders als im 19. Jahrhundert, heute über den Atlantik bis nach Amerika.

Wo steht die US-Regierung in dieser Debatte? Präsident Bush nahm in seiner Rede am 1. Juni 2002 in West Point den Standpunkt der Demokratisierer ein. In jüngster Zeit plädiert das Aussenministerium jedoch für einen vorsichtigeren Kurs. Und am 26. Februar versprach der Präsident einen möglichst raschen Abzug der US-Kräfte aus dem Irak ? nicht gerade ein Ausdruck von Entschlossenheit, ein politisches System von Grund auf umzubauen.

Sollte die US-Regierung tatsächlich eine breite und schnelle Demokratisierung in Angriff nehmen, wird das schlimmstmögliche Ergebnis die Folge sein: Es wird keine arabische Demokratie geben, aber die Amerikaner werden trotzdem ungeahnte Empörung ernten, weil sie es versucht haben.

Der Demokratisierungsansatz im Krieg gegen den Terrorismus enthält viele Probleme. Die politische Kultur in muslimischen, zumal arabischen Gesellschaften ist nicht so formbar, als dass sich innerhalb von ein, zwei Generationen liberale Demokratien herausbilden könnten. In der muslimischen Welt gibt es heute nur wenige echte Demokratien (die Türkei ist die entwickeltste), in der arabischen Welt keine einzige.

Das ist kein Zufall. Arabischen Gesellschaften fehlen, in unterschiedlichem Mass, drei Voraussetzungen für Demokratie: die Auffassung, dass alle politische Herrschaft von der Gesellschaft selbst ausgeht, der Gedanke der Herrschaft der Mehrheit und die Vorstellung, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Ohne die erste Voraussetzung gibt es keinen Pluralismus ? und keine legitime «loyale» Opposition. Ohne die zweite sind Wahlen als Ausdruck des Volkswillens unverständlich, und ohne die dritte kann ein Gemeinwesen weder frei noch liberal (im westlichen Sinn) sein.

Methode «Versuch und Irrtum»

Politische Autorität kommt entweder von innen («vom Volk, durch das Volk und für das Volk») oder von aussen (von Gott oder einer imperialen fremden Macht). Der europäische Gesellschaftsvertrag des 17. Jahrhunderts ist Inbegriff der ersten Auffassung; für die islamische Zivilisation ist die Vorstellung von der Gesellschaft als politischer Souverän fremd. Der Islam ist eine radikal monadische Religion göttlicher Offenbarung. Seine politische Kultur hat sich in mehr als 1300 Jahren getreu diesem Prinzip entwickelt. Da die göttliche, äussere Autorität nicht in Frage gestellt werden kann, gibt es keinen politischen Pluralismus als permanentes oder ideales Verhältnis. Toleranz gegenüber anderen sozialen und politischen Prinzipien läuft auf Ketzerei hinaus; Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen gilt als noble Nachsicht, nicht als Anerkennung der Tatsache, dass es keine letzte Wahrheit gibt.

Daraus ergibt sich ein spezifisches Herrschaftsverständnis. Der politische Führer verkündet und verbreitet das göttliche Gesetz, und da es nur einen Gott und nur ein Gesetz gibt, kann es folglich nur eine politische Struktur und einen Führer geben. Rechenschaftspflicht wird nicht demokratisch in einem westlichen Sinn verstanden, sondern als etwas Organisches im religiösen Wollen einer Gemeinschaft. Selbst in unseren eher säkularen Zeiten sind arabische Regierungen legitimiert, wenn sie mit einer von vornherein feststehenden Wahrheit übereinstimmen. Eine Opposition, die diese A-priori-Wahrheit bestreitet, kann nicht «loyal» sein. Der typische Araber stellt sich eine ideale einheitliche Glaubensgemeinschaft vor, die der westlichen Auffassung von rivalisierenden, aber sich gegenseitig regelnden politischen Parteien diametral zuwiderläuft. Die westliche Politik hat einen Beigeschmack von reguliertem Konflikt, doch aus arabischer Sicht zerstört dieser Konflikt die Gemeinschaft ? und damit kommen wir zur Herrschaft der Mehrheit.

Wenn die politische Wahrheit in der Gesellschaft liegt und die Menschen fehlbar sind, läuft das politische Leben auf ein Regieren nach der Methode «Versuch und Irrtum» hinaus. Wenn niemand die Autorität einer unantastbaren Wahrheit anrufen kann, hat folglich die Mehrheit darüber zu bestimmen, welcher Weg eingeschlagen wird. Für Westler erscheint das vernünftig, für die meisten Araber keineswegs ? aus völlig verständlichen Gründen.

Jahrtausendelang lebten die meisten Orientalen in Dörfern, waren gewöhnlich in Clans oder Stämmen organisiert. Sie lebten überdies in einer unsicheren, gefährlichen Welt und waren daher bemüht, Konflikte innerhalb der Stammesgesellschaft zu vermeiden. Herrschaft war immer konsensorientiert. Die Herrscher, meist zentralisiert und erblich, kamen zu offenen Verhandlungen mit den wichtigsten Vertretern der Clans zusammen. Probleme wurden erörtert, Kompromisse erreicht, Vereinbarungen getroffen, und im Gegenzug schworen alle dem Herrscher persönliche Loyalität. Diese Methode wurde vom Islam absorbiert und sanktioniert. Ein Herrscher erlangt seine Machtstellung durch den Konsens (idschmaa) der Ältesten, und er behält die Macht mit Duldung der Gemeinschaft (umma).

Natürliche Rangordnung

Nun stelle man sich vor, dass jemand, der bei Wahlen 54 Prozent der Stimmen gewinnt, 100 Prozent der Macht erhalten soll, während derjenige, der 46 Prozent bekommen hat, von der Macht ausgeschlossen bleiben soll. Wer Konsensentscheidungen gewöhnt ist, wird das nicht nur für widersinnig, sondern auch für gefährlich, weil konfliktträchtig halten. Der durchschnittliche Syrer fand daher (im Gegensatz zu uns) die 98,5 Prozent für Hafis al-Assad nicht sonderlich merkwürdig. Historisch gesehen, sind Formen der Konsensentscheidung übrigens sehr viel häufiger als demokratische Varianten. Sie sind auch nicht zwangsläufig mit Diktatur oder Despotismus gleichzusetzen. Traditionelle arabische und muslimische Herrscher sind patriarchalisch und autoritär, aber ihre Regierung gründet auf dem Grundsatz, dass das Volk in einem gewissen Rahmen beteiligt sein muss. Umgekehrt halten die meisten Untertanen diese Herrschaft für legitim.

Schliesslich der Aspekt der Gleichheit aller vor dem Gesetz: Diese Vorstellung widerspricht fast allen traditionellen Herrschaftsformen. In der islamischen Zivilisation stehen Männer über Frauen, die Gebildeten über den Ungebildeten, die Vornehmen über den Niedrigen, die Frommen über den Lasterhaften, die Alten über den Jungen. Dass die Stimme einer 22-jährigen Bäuerin, die nicht lesen kann, genauso viel wert sein soll wie die eines 70-jährigen Rechtsgelehrten, wäre für die meisten Araber eine absurde Vorstellung. Von einer natürlichen sozialen Rangordnung auszugehen, ist weder borniert noch lächerlich. Auch in westlichen Gesellschaften wurde vor noch nicht allzu langer Zeit genauso gedacht.

Wahrhafte arabische Demokraten

Ist «arabische Demokratie» also ein Oxymoron? Natürlich nicht. Alles verändert sich. Andere Kulturen müssen sich nicht verwestlichen, um demokratisch zu sein. Es ist geschichtsblind, auf die kulturelle Besonderheit von Reformation und Renaissance hinzuweisen und dann das autoritäre Schicksal anderer zu proklamieren. Die Araber sind nicht kognitiv oder ethisch «zurückgeblieben». Im Islam gibt es sehr wohl theologische und kulturelle Plädoyers für Demokratie ? sie sind weder unbedeutend noch verborgen, falls jemand auf sie zurückgreifen möchte.

Es gibt wahrhafte arabische Demokraten, und sie verdienen unsere Unterstützung. Angesichts der Gefahren, die dem Westen vom Status quo in der arabischen Welt drohen, können wir natürlich nicht untätig bleiben. Das Problem ist nur, dass es aus historischen Gründen nur wenige Demokraten gibt und dass ausländische Hilfe ohne ein breites arabisches Interesse an Demokratie nichts bewirken kann.

Den Arabern Demokratie aufzuzwingen, bevor sie sie haben wollen und bereit dafür sind, hiesse, ihre Versagensängste zu schüren und auch ihre antiwestliche Einstellung, die wir doch abbauen wollen. Die Auseinandersetzung mit den Pathologien der arabischen Welt ist eine der grossen Aufgaben unserer Zeit. Doch es gibt keine Patentrezepte, und letztlich muss die Lösung von den Arabern selbst kommen. Der Westen kann helfen. Vorschriften machen kann er nicht.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Adam Garfinkle war Direktor des Middle East Council am Foreign Policy Research Institute in Philadelphia. Heute ist er Herausgeber der Vierteljahresschrift The National Interest (www.nationalinterest.org).

Context

Bambiland
Das Bambiland ist ein mittlerweile die Welt umspannendes Entertainment-Disneyland, das mit dem Irakkrieg dank medialer Vermittlung eine neue Dimension und auch einen neuen Namen bekommen hat: "Wartainment". Jeder durfte mitspielen. Jeder wurde bei diesem Krieg zum Mitspieler, ob er wollte oder nicht. Es inszeniert der Aktionskünstler, Theater- und Filmregisseur Christoph Schlingensief, den sich die Autorin ausdrücklich als Regisseur für "Bambiland" gewünscht hat.
Bamibland [pdf, 1,3MB] von Elfriede Jelinek
Die Perser von Aischylos

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Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

AntiWar
It’s the "liberation" of the Iraqi people, and it isn’t pretty...

Cost of War in Iraq
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The Memory Hole
Falluja and the Forging of the New Iraq
Dancing Alone, By THOMAS L. FRIEDMAN

© s~ (2k-3 -- 2k4), last modified: May 2006